Eine Boßelkugel und der Kraber gehören auf jeder Kohlfahrt in den Bollerwagen., © OTM I Verena Brandt

Lektion 5: Boßeln & Co

Regeln, Anleitung und Geschichte des Kugelwerfens

Boßeln kommt von althochdeutsch: boz(z)an = schlagen, stoßen, klopfen, eine Kugel schieben. Darin zu finden sind aber auch das französische bosseler = treiben und das italienische Kugelspiel Boccia = Kugel.

Man spielte damals in langer Unterwäsche und wärmte sich mit Alkohol auf. Beides förderte die Stimmung und den Übermut. Oft ging es auch ums Geld – denn Wetten standen hoch im Kurs. Schon im 16. Jahrhundert hatten die Kirche und die Obrigkeit die Nase voll. Ein Eintrag in einem Landgerichtsbuch aus dem Jahre 1510 beklagt, dass ein Zuschauer durch eine Kugel getroffen wurde und ein blaues Auge und zwei blutige Stellen am Kopf erlitt.

Durch verschiedene Techniken beim Abwerfen kann der Boßler die Kugel um die Ecke werfen. Liebe Studierende, jetzt profitieren Sie von Ihren frisch erworbenen Plattdeutschkenntnissen. Die Techniken heißen överd Duum (über den Daumen, 1) und överd Finger (über den Finger, 2). Der normale Abwurf ohne Drall wird liek ut Hand (gerade aus der Hand, 3) genannt.

Ohne Klooten kein Boßeln

Vor dem Boßeln kam das Klooten. Die Sportart Klootschießen ist schon viele Jahrhunderte alt. Vor 1500 Jahren wurde das Klootschießen in Urkunden bereits erwähnt. Der Grund, warum das so spät erst geschah, ist, dass Volksbräuche jahrhundertelang nur mündlich überliefert wurden.

In jüngster Zeit hat man aber noch einen glaubwürdigen „Zeitzeugen“ ausgebuddelt: eine über 2000 Jahre alte Kugel aus Klei (Marschboden, der besonders gut klebt). Ob der Kloot (abgeleitet von „Kluten“ = Erdklumpen) von den Friesen als Munition genutzt oder ob damit eine ruhige Kugel geschoben wurde, ist ungewiss.

Wir von der Grünkohl-Akademie meinen: Vermutlich diente der Kloot Oldenburger Gelehrten dazu, die ersten Theorien, dass die Erde keine Scheibe sei, zu belegen. Leider war die Welt noch nicht bereit für solch revolutionäre Gedanken. Oldenburg wurde damals schon seinem Ruf als Wissenschaftsstandort gerecht.

Unbestritten ist jedenfalls, dass das Klootschießen seinen Ursprung in den Küstenregionen der Nordsee hat.

Grünkohl-Werfen Fehlanzeige

Klootschießen ist eine Wurfart, die Schnelligkeit, Kraft und Kohlzentration voraussetzt. Die Friesen tüftelten unermüdlich an der Entwicklung des Geschosses, bastelten, nachdem sie feststellen, dass der Grünkohl nicht kohlpakt genug war, schwere Flintkugeln und zweipfündige Eisenkugeln. Später wurde Apfelbaumholz zu faustgroßen Kugeln, die man mit Blei ausgoss, verarbeitet. Heute haben die Kugeln einen Durchmesser von rund 58 mm und sind ein halbes Kilo schwer.

Trainiert zum Rekord

Nach einem etwa 25 Meter langen Anlauf folgt eine komplizierte Kombination aus Bein- und Armbewegungen, in deren Verlauf der Werfer eine Rampe hinaufspringt. Er reißt den Wurfarm weit nach hinten und wirft die Kugel mit voller Wucht, die Sprungbewegung mitnehmend. Der Weltrekord liegt bei 106,20 m, geworfen von Stefan Albarus am 30. Juni 1996 – und wurde seither nie mehr gebrochen!
Kohlventionen und Regeln

Keine Ausnahme ohne Regel

Liebe Studierende, lernen Sie folgende Boßel-Regeln auswendig, damit es nicht zu Ungemach mit Ihren Wettstreitern kommt. Wir wollen Sie ungern aus der Strafkohlzugsanstalt abholen.

1. Für das Boßeln unumgänglich ist es, sich im Vorfeld eine geeignete Strecke auf wenig befahrenen Straßen und Wegen auszugucken. Diese sollte in der Länge einem gewöhnlichen Spaziergang entsprechen, also 7 bis 12 km, je nachdem, wie abgelegen der Grünkohltempel ist.

2. Grundsätzlich muss das Boßeln auf öffentlichen Straßen genehmigt werden. Da aber in Oldenburg und Umgebung annähernd jeder Ort seinen Boßelverein hat, liegen oft langfristige Genehmigungen vor.

3. Der allgemeine Straßenverkehr hat Vorrang. Zudem sollte man die Boßelgruppe besonders an Kreuzungen und Kurven absichern. Schauen Sie zu, liebe Studierende, dass Sie dabei weder mit den Auto- noch mit den Fahrradfahrern ins Gehege kommen.

4. Bilden Sie zwei Mannschaften, starke und schwache Spielerinnen und Spieler gemischt, hier ist Toleranz angesagt. Gehen Sie pädagogisch ran, und verbinden Sie das Ganze mit einem Spiel.

5. Nun geht es für den einzelnen Boßler darum, für seine Mannschaft eine möglichst große Weite mit dem Boßel, einer Kunststoff-, Gummi- oder Holzkugel, zu erreichen. Dabei wirft je ein Spieler einer Mannschaft. Hilfreich ist es, einen Bahnweiser rund 100 m entfernt zu postieren, der zum einen die Richtung des Wurfes anzeigen und zum anderen die Kugel in den Straßengraben verfolgen kann.

Der zweite Werfer einer jeden Mannschaft wirft von der Stelle ab, wo die Kugel seines Vorgängers liegen blieb. Wenn sie in den Graben rollt, gilt die Stelle rechtwinklig zur Straße als Abwurfpunkt. Dann müssen alle in die Büsche, suchen helfen. Zählen Sie vor dem Weitermarsch alle durch, nicht, dass Uropa Werner mit der Regina …

6. Gewertet werden kann beim Boßeln auf unterschiedliche Weise. Entweder man wertet nach absolvierten Würfen, die jede Mannschaft benötigte, um eine bestimmte Strecke zu durchlaufen; bei einem etwaigen Gleichstand gewinnt die Mannschaft mit der größten Weite im Schlusswurf. Als Sieger geht in diesem Falle die Mannschaft hervor, die zum Schluss (entweder hat jede Mannschaft eine bestimmte Anzahl an Würfen oder man legt ein Ziel fest) am meisten Schöt und die größte Weite erzielt hat.

Einen Schöt erhält die Mannschaft, deren Boßler weiter warf als zwei Werfer der gegnerischen Mannschaft.

Do it kohlself

Wenig Kohle: Boßeln kostet nicht viel. Alles was man braucht ist ein Grabber, neudeutsch Kraber: Das ist eine Art Besenstiel mit einem Metallkorb am Ende. Damit fischt man die Boßelkugel aus Gräben, Bächen oder Büschen.

Und dann brauchen Sie natürlich eine Kugel. Die Kugeln unterscheiden sich sowohl regional als auch abhängig von der Disziplin und der Altersklasse in Größe und Gewicht.

Boßelsport in Oldenburg

Frauen mit Wumms: Anfangs war Klootschießen und Boßeln den Männern vorbehalten. Die traditionsbewussten Boßeler lehnten die Zulassung von Frauen strikt ab, woraufhin in den 50er und 60er Jahren etliche hartnäckige Friesinnen eigene Gruppen gründeten. Das Frauen-Boßeln breitete sich schlagartig aus, und inzwischen sind die Frauen längst in den Vereinen und Verbänden fest integriert. Macht ja auch viel mehr Spaß so!

Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass Frauen beim Werfen allgemein weniger Wumms und ein schlechtes Timing haben. Das wird damit erklärt, dass in der Evolution die Frauen eher die Kinder hüteten, kochten und putzten und die Männer auf Jagd gingen. Ein Vergleich mit Aborigine-Kindern zeigt, dass dort die Mädchen mit fast gleich viel Schmackes werfen wie die Jungs, da werden nämlich beide Geschlechter für die Jagd ausgebildet.

Hier im Norden schließt man sich gern zusammen, am liebsten im Verein. Die Boßler sind da nicht anders. So gibt es den Friesischen Klootschießer Verband (FKV) mit rund 40.000 Mitgliedern. Davon sind etwa 15.000 im Landesverband Oldenburg organisiert - selbstverständlich die Elite. Hier ist nichts mit Trinken, Singen und Grünkohlfuttern: Hier wird hart trainiert.

Oldenburg vs. Ostfriesland: Ein alter Kohlflikt

Die beiden Landesverbände Oldenburg und Ostfriesland haben sich zwar zusammengeschlossen zum Friesischen Klootschießerverband, sind aber seit ewigen Zeiten Kohlkurrenten. Das hat historische Gründe, an die sich natürlich keiner mehr erinnern kann. Es ist einfach so, wie’s ist, und auch nicht weiter tragisch, denn beim Boßeln und Klootschießen kann man diese Gefühle voll ausleben.

Die Mannschaften treffen sich nach dem Wettkampf friedfertig im Vereinsheim, lobhudeln sich gegenseitig und stoßen miteinander an. Dabei brüllt man: „Fleu Rut!“ (der ganze Spruch heißt: „Lüch up un fleu herut!“ Was so viel heißt wie „Hebe auf und flieg heraus!“).

Angesprochen wird damit natürlich die Boßelkugel – und nicht etwa ein Studierender der Grünkohl-Akademie Oldenburg, der gerade dabei erwischt wurde, wie er in der Prüfung seinen Spickzettel fallen lässt. Sie haben es sicher gemerkt, liebe Studierende, es wird in Plattdüütsch geboßelt! Selbst die Vereinssitzungen werden auf Plattdeutsch abgehalten.

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