Die Oldenburger lieben ihren Grünkohl., © OTM I Verena Brandt

Lektion 3: Kohlinarik

Kohlorienzählen

Die Oldenburger haben den Grünkohl in ihr Herz geschlossen, denn er besitzt beliebte norddeutsche Eigenschaften: Er ist zäh, genügsam, praktisch, und er mag das unbeständige Wetter. Er schmeckt sogar erst gut, wenn er einmal so richtig gefroren hat. ist. Früher kamen die leckeren Blätter auf den Tisch und die Strünke in die Vieh-Futterkrippe. So waren alle zufrieden. Jede Familie, die ein Stück Land besaß, baute ihren eigenen Grünkohl an. Auf dem Kohlhökermarkt verkauften die Kleinbauern des Umlandes ihren Kohl.

Innere Werte: Kohlenhydrate & Co

„In de Kohltiet kann de Doktor op Reisen gahn“, heißt ein altes Sprichwort. Die modernen Ernährungswissenschaftler glaubten das erstmals nicht und schickten den Grünkohl durch viele Versuche, um sie dann endlich auch ticken zu hören: die Vitaminbombe. Im Grünkohl ist zehnmal so viel Karotin enthalten wie im Weißkohl, doppelt so viel Eiweiß wie im Blumenkohl und mehr Vitamin C als in der Zitrone. Zudem enthält der Grünkohl einen beachtlichen Anteil an Folsäure, die zur Blutbildung und Versorgung der Körperzellen mit Sauerstoff benötigt wird.

Der Grünkohl soll lahmende Tiere gehend und blinde sehend machen, glaubten die Ostfriesen früher. Doch angeblich wirkte nur der ganz unchristlich im Nachbardorf geklaute Kohl. Die Grünkohl-Akademie Oldenburg distanziert sich ganz klar von dieser Praktik und zieht Dieben die Ohren lang. Apropos: „Wer an Weihnachten keinen Braunkohl isst, bekommt Eselsohren." (Handwörterbuch des Aberglaubens 1927).

Besser als jedes Medikohlment

Dem Grünkohl wird seit jeher eine heilende Wirkung nachgesagt. Schon in frühchristlicher Zeit war gebratener Kohl ein Mittel gegen den Kater nach einer Orgie. Das erklärt vielleicht, warum er heutzutage bei den Kohlfahrten präventiv gleich mit dem Alkohol zusammen konsumiert wird. Der Römer Martialis empfahl, seinem Namen alle Ehre machend, den Kohl mit Salpeter abzukochen. Ein sicheres Mittel, um einen Virus gleich mitsamt dem Magen abzutöten, meinen wir.
Delikohltessen

B(r)auchtum

Was dem Schweizer seine geheime Käsefonduemischung und dem Schottenclan sein besonderes Schottenrockmuster, das ist dem Norddeutschen sein Grünkohl-Familienrezept.

Die feine Pinkel

Ja, so heißt sie wirklich, liebe Studierende, schon immer – die Oldenburger sind halt von Natur aus emanzipiert und nicht zimperlich. Für sie ist es völlig normal, beim Metzger eine Pinkel (geräucherte Grützwurst) zu verlangen. Denn die plattdeutsche Bezeichnung „Pinkel“ steht für einen Schweine- oder Rindermastdarm, in den man früher (nach dessen Reinigung) die Wurstmasse stopfte.
Jeder Metzger macht sie anders und schweigt über die Zusammensetzung der Zutaten und Gewürze. Einer hat uns jedoch einige der Zutaten verraten (er ist untergetaucht und wird vom Zeugenschutzprogramm der Grünkohl-Akademie Oldenburg betreut): Würfelspeck, Gerstengrütze, Rindertalg, Schweineflomen (Magenfett, zur Schmalzherstellung verwendet), Zwiebeln, Salz, Pfeffer und Gewürze.

Alkohlhol

Eine Grünkohltour ist anstrengend und macht durstig. Doch der Griff zur Koka-Kohla wäre fatal, liebe Studierende, und würde Ihr gesamtes Renommee, das Sie sich bisher mit diesem Studiengang aufgebaut haben, mit einem Schlag zerstören. Warten Sie, bis Ihnen der Gastgeber einen Zinnlöffel in die Hand drückt. Nein, jetzt geht’s nicht an den Grünkohltopf – obwohl man früher aus demselben Löffel sowohl gegessen als auch getrunken hat – sondern es ist Zeit für einen Aperitif. Der Gastgeber kredenzt Ihnen Korn. Zum Essen bestellen Sie am besten Bier, damit können Sie nichts falsch machen. Grünkohl und Pinkel liegen schwer im Magen. Aus medizinischen Gründen trinkt man deshalb etwas Hochprozentiges nach dem Essen. Zum Beispiel einen „Grünkohlschluck“ – einen 32-prozentigen klaren Schnaps, der sich aus verschiedenen Kräutern zusammensetzt und eiskalt serviert wird.

Ik seh di!

Auch sie sind Plattdeutsch: die Trinksprüche beim Grünkohlessen. Am besten üben Sie vor dem Spiegel, liebe Studierende. Die Worte des Gastgebers können Sie zum Beispiel auf Ihr Smartphone aufsprechen – mit Pausen dazwischen, in denen Sie dann die Antwort trainieren können. Also, etwas Korn in den Zinnlöffel und dann los:

Gastgeber: Ik seh di! (Ich sehe dich!)
Gast: Dat freit mi! (Das freut mich!)
Gastgeber: Ik sup di to! (Ich trinke dir zu!)
Gast: Dat do! (Das tu!)
Gastgeber: Prost!
Gastgeber: Ik heb di tosapen! (Ich habe dir zugetrunken!)
Gast: Hest’n Rechten drapen! (Hast den Richtigen getroffen!)

Sie wechseln mit der Suche zur oldenburg-tourismus.de
Sie wechseln mit der Suche zur oldenburg-tourismus.de