Grünkohl-Akademie Oldenburg, © OTM/ Verena Brandt

Lektion 1: Kohltourgeschichte

Eine Kohlfahrt die ist lustig...

Liebe Studierende, der Oldenburger isst nicht gern allein – genauso wenig, wie Grünkohl ohne Pinkel oder Speck sein kann. So lange wir denken können, wird dieser köstliche Schmaus in großer Runde zelebriert – mit einer Kohlfahrt. Dieser volkstümliche Brauch hat einen edlen Ursprung – und den sollten wir nie vergessen. Dafür ist die Grünkohl-Akademie Oldenburg da.

Hochkohlgeborene Kutschfahrt

Dreimal Kohl in der Woche war Oldenburger Gewohnheit. Nach einer Ordnung im Jahre 1741 bekamen auch die Bedürftigen im Armenhaus Kohl – sonntags, dienstags und donnerstags. Kohl war aber nicht nur ein Essen für Arme und Normalbürger.

Wenn im Winter der Frost länger anhielt, verabredeten sich die hochkohlgeborenen Honoratioren der Stadt zu einer Schlittenfahrt aufs Land, um anschließend bei einem kohlhabenden Landmann einzukehren. Der blieb zwar auf den Kosten sitzen und hatte danach viel abzuwaschen, aber dafür Ruhm und Ehre und sicher auch bei dem einen oder anderen Politiker einen Stein im Brett.

Kohlektives Vergnügen: die Kohltour

Als Erfinder der heutigen Kohltouren gilt der Oldenburger Turnerbund, gegründet 1859. Er machte bei einer seiner jährlichen Wanderungen eine kohlossale Entdeckung: Die Herren wollten wie immer (und vermutlich damals schon kalorienbewusst) ein Süppchen bestellen. Doch das war alle. Stattdessen servierte ihnen der Wirt die Reste eines Grünkohlessens. Von da an wärmten die Herren jedes Jahr die Tradition wieder auf und gingen auf Kohltour. Über 100 solcher Fahrten mit Boßeln und Bollerwagen sind in der Vereinschronik dokumentiert.

Die fünfte Jahreszeit

Seitdem kann man Folgendes beobachten: Wenn im Herbst der Frost einzieht, taut der Norddeutsche auf, packt seinen Bollerwagen, und „nun geit dat wedder los“ (nun geht es wieder los): auf Kohltour. Diese ist dem Oldenburger inzwischen das, was dem Rheinländer der Karneval ist: gesellschaftlicher und geselliger Höhepunkt des Jahres und eine komplette Auszeit vom Alltag.

Kohltourmanagement

Eine Kohltour muss durchgeplant sein. Etwas Erfahrung mit Eventorganisation ist von Vorteil. Eine solche Fahrt muss picobello organisiert sein, die Arbeit daran ein Ganzjahresjob. Es beginnt mit dem Entwurf der Einladungskarte – zum Beispiel als Kohlage.

Zu einer Kohlfahrt gehören von je her nicht nur ein Bollerwagen, Kohldampf, gute Laune und Spiele, sondern auch die passende Musik.

Jeder Kohlwanderer trägt einen Eierbecher um den Hals (für den Schnaps zwischendurch), liebevoll genannt „Pinnchen“. In den Bollerwagen gehören auf jeden Fall Proviant für unterwegs, Flaschenöffner, Heftpflaster und Kopfschmerztabletten. Und dann kann es losgehen!

Boßeln, Bier, Besenwerfen

Auf dem Weg zur Gaststätte wird keine ruhige Kugel geschoben – es wird geboßelt, was das Zeug hält. Dazu werden zwei Mannschaften gebildet. Zwischendurch gibt es jedoch noch viele andere Spiele.

Krönender Abschluss

Am Ende führt der Weg immer zum Grünkohl-Schmaus. Und wenn dann alle satt sind und sich saukohl fühlen, wird das Kohlkönigspaar gewählt. Hierfür werden unterschiedliche Methoden angewandt. Entweder wird die Anzahl der gegessenen Portionen jedes Teilnehmers ausgewertet, es wird das Gewicht der Teilnehmer vor und nach dem Essen bestimmt, oder es werden die Ergebnisse der Spiele auf der Wanderschaft genommen.

Als ein Zeichen der Königswürde werden Ketten mit den Namen der ehemaligen Kohlkönige oder ein Schweinekieferknochen am Band mit einer entsprechenden Inschrift verliehen. Das Zepter, Zeichen der Macht, ist ein schwerer Kohlstrunk.

Doch wer die Ehre hat, hat auch die Pflicht: Das Königspaar muss die nächste Kohltour organisieren und kommt auch nicht drum herum, einen für alle auszugeben.

Berliner Kohltourpolitik

Warum schleppen die Oldenburger jährlich etwa 150 Kilogramm Kohl, 500 Pinkelwürste, 400 Kochmettwürste, 20 Kilo gestreiften Speck und 70 Kilo Kassler nach Berlin? Hier eine Erklärung, liebe Studierende.

Defftig Ollnborger Gröönkohl Äten

Als Bundespräsident Theodor Heuss 1956 nicht nach Oldenburg zum Grünkohlessen kommen konnte, packten die Oldenburger kurzerhand den Grünkohl, und alles was dazu gehört, ein und reisten nach Berlin. Der Abend wurde legendär. Seitdem wird die Tradition des „Defftig Ollnborger Gröönkohl Äten" gepflegt.

Jedes Jahr wird Berlin zur Oldenburger Kohlonie, und alles, was Rang und Namen hat, Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kohltour, sitzt um die dampfenden Schüsseln Grünkohl.

Es lebe die Monarchie

Höhepunkt des Politspektakels in Berlin ist die Königsproklamation. Ein Oldenburger Kurfürsten-Kohlegium bestimmt dabei einen König. Von diesem prominenten Kohlkönig wird erwartet, dass er zumindest einmal die Stadt Oldenburg besucht und das Stadtfest eröffnet.

Historischer Moment: Gründung der Grünkohl-Akademie Oldenburg
Jedes der "Defftig Ollnborger Gröönkohl Äten" ist ein gesellschaftlich-politisches Ereignis, doch eines wird in die Geschichte eingehen: Beim 46. Essen am 17. Februar 2003 gründete der damalige Oldenburger Oberbürgermeister Dietmar Schütz die Grünkohl-Akademie Oldenburg (GOA).

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